Kindern helfen, ihre Ängste zu überwinden

By 13. November 2019 November 27th, 2019 Lösungsvorschlag

Kindern helfen, ihre Ängste zu überwinden –

Ein Artikel von Patty Wipfler/ins Deutsche übersetzt von Steffi Weh

Ein Kind bekommt Angst, wenn Umstände, die außerhalb seiner Kontrolle liegen, oder Umstände, die es nicht versteht, sein fragiles Gefühl der Sicherheit erschüttern. Seine Geburt und der Verlauf früherer Entwicklungsprozesse stellen viele Momente dar, in denen das Sicherheitsgefühl eines Kindes gestört wird.

Obwohl wir uns selbst als fortgeschrittene Gesellschaft betrachten, sind viele Kinder noch früh in ihrem Leben mit zutiefst isolierenden und sogar lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert. Außerdem wird durch Gewalt, welche häufig in Filmen, Cartoons und Märchen zu finden ist, erheblicher Schaden zugeführt.

Um Angst entlasten zu können, sucht das Kind einen Vorwand

Situationen, in denen sich Kinder ängstigten, lassen sie hilf -und machtlos werden. Um die Angst loszulassen zu können, sucht das Kind einen Vorwand, der ganz gewöhnlich und alltäglich ist. Auf diese Weise kann es Gefühle zu einem Zeitpunkt verarbeiten, in dem es sich sicher fühlt und keine Gefahr droht.

Wenn ein Kind, während es heranwächst, seine Ängste nicht entlasten und somit verarbeiten kann, wird es diese auf verschiedene Dinge potenzieren. Es ist bereit, diese Gefühle zu verarbeiten, wenn es tiefe Angst vor einer harmlosen Situation zeigt.

So kann zum Beispiel ein Kleinkind, das einst in der Notaufnahme wegen einer Verbrennung zweiten Grades behandelt wurde, Angst haben, wenn seine Mutter ihm die Zähne putzen möchte. Oder ein Kind, das als Kleinkind aufgrund von Krankheit eine Wochein Quarantäne verbracht hat, kann auf einer kurzen Familienwanderung zusammenbrechen und sich „zu schwach“ fühlen, um nur noch einen einzigen weiteren Schritt zu gehen.

Lachen löst leichte Ängste

Special Time ist die Art von Spiel, welche Kindern hilft, ihre Ängste zu überwinden, und beginnt damit, dass der Erwachsene der Leitung des Kindes folgt. Sei ganz aufmerksam und beobachte, was dein Kind gerne tut und begleite es mit deiner ganzen Präsenz, Liebe und Aufmerksamkeit. Nehme in dieser Zeit die Rolle des weniger Mächtigen ein.

Wenn dein Kind spielt, zur Arbeit zu gehen, gebe vor zu „weinen“ und bettle darum, dass es nicht geht. Wenn dein Kind Fangen spielen möchte, versuche es zu fangen, aber scheitere die meiste Zeit. Wenn dein Kind darum bittet, auf den Betten springen zu dürfen, bitten es spielerisch, „vorsichtig“ zu springen, aber mit jenem „Glanz in den Augen“, dass es weiß, dass es in Ordnung ist, dich damit zu überraschen und zu erschrecken, wie hoch es springen kann.

Die Ängste deines Kindes werden sich entlasten, wenn es lacht, während du die ohnmächtige Rolle einnimmst. Je mehr du auf diese Art und Weise mit deinem Kind spielst und ihm das Lachen entlockst, desto mutiger wird es werden. Aber vermeide es zu kitzeln – das ist nicht hilfreich. Kitzeln fördert den natürlichen Heilungsprozess nicht, da das Kind dadurch in die ohnmächtige Rolle rutscht und das Lachen, dass geschieht nicht natürlich, sondern erzwungen ist.[1]

Angst löst sich in Weinen, Zittern und Schwitzen

Wenn Angst Besitz von deinem Kind ergriffen hat, ist es bereit, tieferliegende Ängste zu verarbeiten. Zu diesem Zeitpunkt ist es deine Aufgabe, so lieb, vertrauensvoll und wohlwollend wie möglich zu sein. Versuche nicht, eine bereits sichere Situation zu ändern. Dein Kind muss seine Ängste spüren, um sie zu entlasten und verarbeiten zu können. Deine akzeptierende Haltung in dieser Situation macht den Unterschied aus.

Bleibe ganz nah bei deinem Kind und bewege dich gemeinsam mit ihm langsam auf die beängstigende Situation zu. Wenn es in deinen Armen zu weinen, strampeln, zittern oder zu schwitzen beginnt, bist du auf dem „richtigen Weg“. Es wird sich schrecklich fühlen: Aber du bist da, um ihm zu helfen, während es diese schmerzlichen Gefühle entlastet. Jetzt könntest du sagen: „Ich bin hier und werde nicht weggehen. Alles ist in Ordnung.“ oder: „Ich sehe, wie schwer das ist, und bin ganz nah bei dir. Ich halte dich sicher in meinen Armen.“

Dein Kind wird sehr wahrscheinlich protestieren und dir mit Kraftausdrücken mitteilen, dass du weggehen sollst. Wenn du aber weggehst oder es tröstest, kann es seine Ängste nicht entlasten und verarbeiten. Es ist wichtig, darauf zu vertrauen, dass das Kind während es sicher in deinen Armen ist, seine tiefliegende Angst entlasten kann. Du hilfst ihm gerade und machst ihm ein unglaublich wertvolles Geschenk!

Bleibe so lange wie möglich bei deinem verängstigten Kind. Je sanfter und akzeptierender deine Haltung ist, desto schneller werden seine Ängste verschwinden. Kinder können, wenn sie Angst entlasten, bis zu einer Stunde weinen, strampeln, zittern und schwitzen. Danach ist ein gutes Stück geschafft. Wenn du kannst, bleibe bei deinem Kind, bis es erkennt, dass es in deinen Armen ganz sicher ist und das alles gut ist. Wenn Kinder diesen Punkt erreicht haben, können sie sich wieder entspannen, vielleicht gemeinsam mit dir weinen, oder auch lange lachend in deinen Armen liegen. Auf jeden Fall wird sich sein Verhalten nach dieser tiefen emotionalen Entlastung deutlich verändern.

Unseren Kindern zu helfen, ihre Ängste zu überwinden, kann schwierig sein. Es ist erstaunlich schwer, Kinder zu begleiten, die sehr lange lachen oder der Tiefe ihrer Ängste und ihrer Trauer zu lauschen. Dies ist viel leichter, wenn du dir selbst einen Zuhörer (siehe Listening Partnership) suchst, und somit auch die Möglichkeit hast, deine Gedanken und Gefühle zu reflektieren. Dann kannst du wieder viel leichter deinem Kind beistehen, seine Ängste zu überwinden.

Hier ist die Geschichte einer Mutter:

„Ich habe Zwillinge, welche 22 Monate alt sind. Mein Sohn liebte es, ein Bad zu nehmen, aber eines Abends, als er und seine Schwester gerade badeten, zog er am Duschhebel und bekam eine Ladung Wasser auf den Kopf. Danach weigerte er sich, zu baden. Ich beschloss, dass ich versuchen wollte, ihm mit dem Hand in Hand Werkzeug  „Staylistening“ zu helfen. Bei diesem Werkzeug bleibt man bei dem Kind und hört sich an, was ihm durch den Kopf geht, ohne Rat- oder Vorschläge zu machen.

Ich brachte also beide Kinder ins Badezimmer, half seiner Schwester ins Bad und sagte ihm sanft, dass er heute auch baden würde. Er weinte und weinte. Die ersten beiden Male hörte ich nur zu. Er sagte „Dusche“ und schaute immer wieder nach oben. Ich versicherte ihm, dass die Dusche heute nicht an war und ließ ihn gleichzeitig darüber weinen und sprechen. Und zwang ihn kein Mal in die Badewanne zu steigen.

Vergangene Nacht hörte ich ihm ein drittes Mal zu. Er begann zu weinen und sagte „Nein“, und klammerte sich an mich. Ich hatte die Badewanne mit etwas Wasser gefüllt. Nach etwa fünf Minuten sah er die Badetiere auf dem Badewannenrand sitzen. Er bat mich die Ente, dann die Krabbe und zuletzt die Schildkröte ins Wasser zu setzen. Dann schaute er in die Wanne und sagte mit einem großen Lächeln auf dem Gesicht: „Schwimmen!“

Ich stimmte zu, dass sie schwimmen würden. Daraufhin blickte er mich an und sagte: „Rein.“ Das wars! Danke, danke, danke. Ich bin so froh, diese Werkzeuge zu kennen und in jeglicher Situation anwenden zu können!

eine Mutter aus Kalifornien, USA

[1] zusätzliche Erklärung zum Thema Kitzeln von Steffi Weh

 

Steffi Weh

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