Geschwisterrivalität

By 14. November 2019 November 27th, 2019 Lösungsvorschlag

Geschwisterrivalität –

Ein Artikel von Patty Wipfler/ins Deutsche übersetzt von Steffi Weh

Kinder in unserer schnelllebigen Gesellschaft großzuziehen ist unglaublich anstrengend und oft viel schwieriger, als wir uns das je vorgestellt hätten. Mehr als ein Kind großzuziehen bringt natürlich zusätzliche Freude, aber auch oft Schwierigkeiten mit sich, die beim älteren Kind beginnen und sich auf das jüngere übertragen.

Diese Gefühle der Geschwisterrivalität können durch einige wichtige Strategien aufgelöst werden, die, früh und oft eingesetzt, den Weg für eine spielerische und liebevolle Beziehungen zwischen den Kindern ebnen können. Da diese Strategien nicht die typische Reaktion von „Tu das nicht – sonst gehst du in dein Zimmer “ sind, ist es schwieriger sie in den Alltag einzubauen. Aber die Ergebnisse, die sie im Laufe der Zeit bringen, sind sehr lohnend!

Auf ein Geschwisterchen vorbereiten

Jedes Kind hat den starken Wunsch danach, mehr Zeit und Nähe mit seinen Eltern zu verbringen! Diese Sehnsüchte sind oft der Grund dafür, warum es schwer ist, abends ins Bett zu gehen, sich anzuziehen um in den Kindergarten oder zu Oma zu gehen, Mama oder Papa zu sehen,   während sie sich umarmen, oder es auszuhalten, wenn sie gerade mit jemand anderem telefonieren. Jedes Kind braucht die Möglichkeit, diese Gefühle auszudrücken. Es will mehr – es will am liebsten all deine Zeit!

Es gibt zwei Möglichkeiten, deinem Kind zu helfen. Zum einen kannst du ihm Special Time anbieten. In dieser besonderen Zeit schenkst du ihm all deine Aufmerksamkeit, Anerkennung und Nähe. Du erlaubst deinem Kind zu wählen, welches Spiel es spielen möchte und folgst seiner Leitung. Du kannst die Special Time beginnen, indem du voller Freude sagst: „OK, wir haben fünfzehn Minuten, und ich spiele mit dir, was auch immer du willst“! Dann solltest du deine Aufmerksamkeit auf dein Kind richten. Lass das Telefon klingeln und verschiebe dein Bedürfnis nach einer Tasse Tee auf einen späteren Zeitpunkt.

Dies ist überraschend schwer für uns. Elternsein ist stressig, wir versuchen fast immer zu lehren, zu führen oder nebenbei kleine Arbeiten zu erledigen, während wir mit unseren Kindern spielen! Während der Special Time bist du nur für dein Kind da und schenkst ihm deine liebevolle Aufmerksamkeit, während es die Entscheidungen trifft.

Der zweite wichtige Schritt ist, zu bemerken, wann sich dein Kind nach ganz viel Nähe zu dir sehnt. Geschieht dies, wenn ihr mit fremden Menschen zusammen seid? Oder wenn ihr im Kindergarten oder bei den Großeltern zuhause angekommen seid? Ist es zur Schlafenszeit, mit Bitten und Betteln um eine Geschichte nach der anderen, damit du auf keinen Fall gehst?

Wenn ein Kind sich über eine mögliche bevorstehende Trennung beunruhigt oder aufgebracht fühlt, so klein diese Trennung auch sein mag, ist es bereit, die darunter liegenden Gefühle zu entlasten. Es braucht die Gewissheit, dass du es liebst und die Möglichkeit, so lange wie möglich darüber zu weinen, um das zugrundeliegende Gefühl der Traurigkeit zu verarbeiten.

Dieser Heilungsmechanismus funktioniert am besten, wenn du nah bei ihm bleibst und ihm ganz sanft sagst: „Ich werde gehen, aber ich komme wieder. Ich komme immer wieder zu dir zurück.“ Oder, am Abend, wenn es zu Bett gehen soll: „Du bist hier sicher. Ich bin im Wohnzimmer. Wir sehen uns morgen früh wieder.“ Wenn sich dein Kind sicher genug fühlt, wird es weinen. Das Zuhören mit dem Werkzeug Staylistening wird ihm helfen, die zugrundeliegenden Emotionen zu heilen, auch die Sorge, nie genug von dir zu bekommen.

Wenn du diese beiden Schritte regelmäßig immer wiederholst, wird sich das ältere Kind gut auf die Ankunft des Geschwisterchens vorbereiten.

Versichere auf spielerische Weise deinem älteren Kind, dass es einzigartig ist

Nachdem ein neues Baby geboren wurde, sind die Gefühle eines älteren Kindes einerseits voller Liebe, Staunen und andererseits ist es verärgert und aufgebracht über das Eindringen des Babys in seine Beziehung zu dir. Eine wunderbare Möglichkeit, mit dieser Situation umzugehen, ist es, einen Weg zu finden das „Ich will dich“ – Spiel mit deinem älteren Kind so oft wie möglich zu spielen.

„Ich will dich“ Spiele gibt es in hundert Variationen. Du könntest damit beginnen, dich auf die Ebene des Kindes zu begeben und zu verkünden: „Ich habe einhundert Küsse für dich! Wo soll ich anfangen?!“ dann kommst du langsam und ungeschickt auf dein Kind zu. Du gehst in die ohnmächtige Position und strengst dich unglaublich an, nah bei deinem Kind zu sein und willst mit ihm kuscheln, lässt es aber immer wieder entkommen und außerhalb deiner Reichweite sein. Folge dem Lachen, während du weiter versucht deine einhundert Küsse „an den Mann zu bringen.“

Bei einer anderen Variation sind beide Elternteilen am Spiel beteiligt: Ein Elternteil zieht das Kind spielerisch zu sich und sagt: „Ich will mit Sam spielen“ und der andere zieht ihn zurück und sagt: „Nein, du kannst ihn nicht haben! Ich habe heute noch nicht genug von ihm gehabt!“ Wenn dieses spielerische Tauziehen zu Gelächter führt, spielt weiter! Es füllt den Hunger eines Kindes nach Aufmerksamkeit, Nähe und danach, gesehen zu werden.

Ein weiteres „Ich will dich“ Spiel geht so: „Wo ist Sam!“. Ich muss Sam finden! Ich bin so einsam und brauche Sam dringend bei mir“ dann beginnst du überall nach Sam zu suchen (auch wenn Sam in Sichtweite ist), bis du ihn entdeckt hast und ihn in deine Armen schließt und fest mit ihm kuschelst. Dein älteres Kind wie ein Baby in den Armen zu wiegen und zu halten, seine Finger, Zehen, perfekten Ohren und schönen Augen zu bewundern, ist eine weitere Möglichkeit, einem Kind zu versichern, dass seine Einzigartigkeit nicht vergessen wurde.

Das Lachen, welches geschieht, während du spielerisch zeigst, dass du nicht ohne dein älteres Kind leben könntest, heilt einen Teil des Schmerzes, der auftritt, wenn es sieht, dass du dich so oft und so liebevoll um das andere Kind kümmerst. Und es gibt dir eine wunderbare Möglichkeit, dein älteres Kind wirklich anzuerkennen und wertzuschätzen.

Special Time wird dir auch helfen, deine Aufmerksamkeit regelmäßig im Alltag auf dein älteres Kind zu richten. Ihr könnt in dieser Zeit eine Beziehung aufbauen und euch an die tiefe Liebe erinnern, die ihr füreinander habt.

Geschwister wollen gut miteinander auskommen

Sie wollen Spaß miteinander haben. Oft sind wir Eltern so erleichtert, dass die Dinge zwischen unseren Kindern gut laufen, dass wir die flexiblen, großzügigen und selbstlosen Momente gar nicht richtig wahrnehmen. Wir nutzen genau diese Zeiten um Arbeiten im Haushalt zu erledigen oder z.B. Telefonate zu führen.

Wenn wir ganz bewusst schauen, sehen wir, wie sie teilen, sich unterstützen und rücksichtsvoll sowie aufmerksam verhalten. Manchmal ist es so, dass genau diese Momente vorangehen und nur einen Bruchteil später die Stimmung zwischen den Kindern kippt.

Was auch immer jetzt folgt, in diesen guten Momenten waren die Kinder wirklich und aufrichtig bemüht und genau das ist ein Erfolg. Wenn wir das Positive anerkennen, hilft es der Beziehung der Kinder untereinander. „Jacqui, ich danke dir, dass du deiner Schwester die Bürste gebracht hast. Kannst du sie jetzt ihre Haare selber kämmen lassen?“ Das hilft dem Kind, dass es sich gesehen fühlt. Die Bemühungen zu helfen sind echt, auch wenn es noch an der weiteren Ausführung arbeiten kann.

Wenn dein Kind dich braucht und du nicht sofort helfen kannst

Wenn Kinder weinen, weil sie mehr Nähe wollen, oder sich aufregen, weil du ihnen nicht sofort helfen kannst, können wir diese Situationen nutzen, um ihnen zu helfen, die Traurigkeit, die sie fühlen, vollständig loszulassen und zu verarbeiten. Wenn sich dein älteres Kind bedürftig fühlt, kannst du es „einladen“ näher zu kommen.

Ein liebevoller Blick oder ein zärtliches Wort, die Frage ob es herkommen möchte um zu kuscheln, sich auf deinen Schoß zu setzen oder eine Umarmung mit dem freien Arm zu bekommen, lässt es wissen, dass du ihm helfen möchtest, auch wenn es jetzt gerade in diesem Moment nicht geht.

Nachdem dein Kind geweint und einige alte Gefühle entlastet hat, die es weinerlich und schwer zu ertragen machten, wird es wieder klar denken können.

Weinen und Wutausbrüche heilen den zugrundeliegenden Schmerz, obwohl sich dein Kind scheinbar schlimmer denn je fühlt, während es entlastet. Wenn du weiterhin liebevolle Worte findest und es sanft anblickst, während es seine Gefühle entlastet, wird es sich dir danach näher und erleichtert fühlen. Außerdem wird es sein Unglück nicht auf sein Geschwisterchen projizieren. Die großen Emotionen werden durch den Entlastungsprozess geheilt.

Der Schlüssel zu dieser Strategie ist dein Verständnis, dass deine Liebe ausreichend ist, auch wenn du nicht sofort helfen kannst. Deine Aufmerksamkeit bei einer Explosion von Gefühlen (auch von der anderen Seite des Raumes her) wird von deinem Kind wahrgenommen. Deine Stimme und deine Augen vermitteln deine Fürsorge und helfen, die Ungerechtigkeiten zu verarbeiten, die dein Kind fühlt.

Du vernachlässigst dein Kind nicht und verursachst auch keine weiteren Schmerzen. Während du geduldig einem weinenden oder tobenden Kind zuhörst, machst du eine unglaublich wertvolle Arbeit als Elternteil, und dein Kind ebenso eine gute Arbeit. Es entlastet schlechte Gefühle und muss dann nicht mit diesen leben.

Streitigkeiten und Rivalität unter Geschwister

In jeder Familie bringen Frustrationsgefühle, der Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit und um das Spielzeug früher oder später die guten Absichten der Geschwister durcheinander. Wenn es ein Tauziehen um dich oder um eine gewünschte Sache gibt, kannst du deinen Kindern helfen, indem du ihnen zuhörst.

Kinder können notwendige Ungerechtigkeiten tolerieren, wenn wir den Gefühlen von ihnen zuhören: Papa kann Sally den Hammer nicht geben, weil sie sich damit leicht verletzen könnte, aber Kenny ist schon größer und kann damit umgehen. Wenn wir diesen Gefühlen mit dem Werkzeug Staylistening vollends zuhören, können sie verarbeitet werden.

Wenn wir dem Weinen oder der Frustration zuhören, verarbeitet das Kind das schreckliche Gefühl, das in ihm tobt, und unsere Aufmerksamkeit und Fürsorge trägt es hindurch. So können Geschwister wieder zueinander finden, auch wenn man ihnen nicht die gleichen Erfahrungen, die gleiche Menge an Dingen, die gleiche Zeit oder das gleiche Spielzeug geben kann.

Eine Möglichkeit, die Anspannung im Laufe der Zeit reduziert

Die beste Strategie Teilen zu lernen, finde ich, ist folgende: Ein Kind, das einen Gegenstand hat, darf ihn behalten, bis es fertig damit gespielt hat, dann erst geht der Gegenstand an das andere Kind.

Zwischenzeitlich helfen wir als Eltern dem anderen Kind zu warten, wenn nötig, halten wir es sanft, wenn es versucht, nach dem Gegenstand zu greifen oder ihn zu entreißen. Der Elternteil hört sich die schmerzvollen Gefühle an, die meist sagen, „ich komme niemals dran.“ Der Wutanfall holt die tieferen Gefühle von „Ich bin das Opfer“, „Ich bekomme nie, was ich will“ und Gefühle von „es ist so unfair“, die oft zwischen den Kindern stehen und ihre Beziehung negativ beeinflussen, an die Oberfläche. Alles, was wir in solchen Momenten tun müssen, ist, dem Kind die Rücksicherung zu geben: „Du wirst ganz sicher drankommen, wenn er fertig ist, er wird das rote Fahrrad nicht für immer behalten.“

Einmal hat das eine Kind die Möglichkeit sich über „all die Ungerechtigkeiten“ zu entlasten, dann das andere. Das Ganze ist ein Prozess und hilft den Geschwistern Geduld und Vertrauen zu entwickeln. Auch wenn sie jetzt nicht das bekommen, was sie wollen, werden sie geliebt und werden später auch drankommen. Geschwister lieben einander und wenn wir ihnen zuhören, helfen wir ihnen große Ansammlungen von negativen Gefühlen zu entlasten, die ihnen im Weg stehen die Liebe für das Geschwisterkind zu fühlen. Der Spaß wird folgen.

Wenn zwei Kinder stark an demselben Gegenstand ziehen, ist es meist sehr hilfreich, wenn wir unsere Hand auf den Gegenstand legen und sagen, “ Ich bin mir sicher, dass ihr herausfinden könnt zu teilen. Ich werde nicht erlauben, dass es einer von euch beiden wegreißt. Was wäre eine gute Lösung?“ Viele Tränen und starke Emotionen werden jetzt an die Oberfläche kommen, und wenn das eine oder andere Kind genug geweint hat und es wieder „online“ ist und klar denken kann wird eine Lösung auftauchen. Vielleicht entscheidet sich das eine Kind zu warten, oder beide Kinder beginnen miteinander zu verhandeln.

Es ist sehr schwierig, der Versuchung zu wiederstehen, sofort mit einer Lösung in die Situation zu gehen. Wenn wir ihnen in diesen Fällen erlauben über den Gegenstand, den sie jetzt so dringend wollen, zu weinen oder zu wüten, ist es letztendlich viel eher möglich, dass sie kooperativ werden. Und, wenn sie sich genug entlastet haben, werden wir danach nicht mehr gebraucht, um den Frieden zwischen ihnen zu wahren, weil sie eine eigene Lösung gefunden haben.

Wir Erwachsene haben gelernt, die Konflikte schnell zu lösen, damit die starken Gefühle der Kinder verschwinden. Aber es geht nicht um den so dringend gewollten Gegenstand, sondern um die darunter liegenden Gefühle und das ist für uns eine emotionale Herausforderung.

Wenn wir, anstelle zu bestimmen, wer jetzt dran ist, zuhören und den Wutanfall begleiten, bringen wir unserem Kind Momente, in denen es sich trotz des Ärgers und der Traurigkeit geliebt fühlt. Diese Liebe und Bestätigung, während sie sich so aufgebracht fühlen, geht viel tiefer als die 5 min. „Spaß“ mit einem Spielzeug, denn danach folgt wieder die Anspannung, wann es als nächstes drankommen wird.

Beispiel:

Meine beiden Söhne lieben beide Musik und haben ihre Lieblingslieder, die sie gerne anhören. Eines Tages hörte ich sie in ihrem Zimmer schreien und rannte los. Die Musik war sehr laut eingeschaltet. Ich fragte, was los sei, und beide waren verzweifelt, da sie sich nicht einigen konnten, wie laut der Musik sein sollte. Der eine wollte es laut, der andere leise. Sie weinten und schrien beide.

Ich war mir nicht sicher, wie ich ihnen helfen sollte, aber ich beschloss auszuprobieren, was geschehen würde, wenn sie beide für eine Weile ihren Willen bekämen. Ich dachte, wenn sie ihre Gefühle darüber entlasten könnten, dann könnten sie vielleicht zu einer Einigung kommen. Also sagte ich: „Ich bin mir sicher, dass ihr das untereinander regeln könnt. Aber als erstes werde ich euch zeigen, wie laut es der jeweils andere haben möchte.  „Jared, ich werde die Lautstärke jetzt leiser stellen, also hat Derrick es für eine Weile so, wie er es möchte.“ Ich drehte die Lautstärke leiser, und Derrick hörte auf zu weinen, aber Jared hingegen weinte nun fest. Er wollte, dass ich es sofort lauter mache!

Ich sagte: „Nein, Schatz ich werde es in ein paar Minuten auf laut lassen.“ Während er nun weinte, sah ich ihn so liebevoll wie möglich an, so dass er nicht dachte, dass ich ihn bestraften würde.

Nach ein paar Minuten, in denen sich Jared entlastet hatte, sagte ich zu Derrick:“ OK, jetzt werden wir es für ein paar Minuten so einstellen, wie Jared es möchte. Jetzt geht’s los!“ Daraufhin habe ich die Lautstärke erhöht. Ich blieb ganz Nah und hielt Derrick fest, während er weinte und sich die Ohren zuhielt. Innerlich war ich auf Derricks Seite, aber die Lautstärke war nicht so schlimm, dass es wehtat, also ließ ich es zu. Jared hörte natürlich auf zu weinen und stand da und hörte aufmerksam der Musik zu. Nach ein paar Minuten: Derrick weinte und hatte das Gefühl, dass er den Lärm nicht ertragen konnte, änderte ich die Lautstärke wieder. Ich schenkte meine Aufmerksamkeit immer demjenigen, der sich gerade schrecklich fühlte. Ich denke, es dauerte etwa drei Umdrehungen von je zwei oder drei Minuten, in denen sie schrien und weinten. Schließlich, als ich die Lautstärke leiser stellte, weinte Jared nicht mehr. Ich fragte ihn: „Ist das jetzt in Ordnung?“ und er sagte: „Ja.“ Also drehte ich es auf, und Derrick weinte noch etwas mehr, hörte dann aber auf und konnte es auch ertragen, die Musik laut zu hören. Ich hatte die Emotionen der beiden berücksichtigt und sagte schließlich: „OK, Leute, jetzt könnt ihr herausfinden, wie laut ihr die Musik haben wollt. Das habt ihr gut gemacht!“ Daraufhin musste ich die Lautstärke nicht mehr regeln. Sie haben es untereinander ausgemacht und friedlich ihre Musik angehört!

Prävention

Eine weitere wichtige Strategie für uns Eltern ist es, ganz bewusst wahrzunehmen, wann die „Streit-Zeiten“ unserer Kinder sind. Manchmal ist das während Autofahrten oder während sie „versuchen“, vor der Essenszeit miteinander zu spielen, oder wenn du sie in einem Raum zusammen für mehr als fünf Minuten alleine lässt. Wir Eltern wissen oft sehr genau, welche Muster unsere Kinder entwickelt haben, sind dann aber oft selber sehr verärgert und frustriert, wenn sich die Kinder schon wieder streiten.

Deshalb ist es besser, wenn wir in diesem Fall die unrealistische Hoffnung aufgeben, dass der Streit nicht passieren wird.

In gewisser Hinsicht sind unsere Hoffnungen diesbezüglich so irrational wie die Streitigkeiten unserer Kinder.

Wenn ihre Tankanzeige fast leer ist, ist es Zeit, ihnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Kinder sind abhängig von ihrem Gefühl der Verbindung zu uns. Dieses ist wiederum verantwortlich für die Beziehung der Geschwister untereinander.

Zum Beispiel: Wenn deine Kinder immer mittags, wenn ihr nach Hause kommt, anfangen zu streiten, dann spiele sofort, wenn ihr nach Hause kommt, mit beiden. Dadurch wird die Verbindung mit beiden wiederhergestellt.

Vielleicht brauchst du, für den schlimmsten Hunger, etwas Obst und Gemüse schon im Auto. Dann kannst du die Verbindung spielerisch wiederherstellen und dann das Mittagessen zubereiten.

Spiele wie „Ich habe 10 Küsse für jeden von euch“ helfen extrem, durch viel Gelächter nach einem Vormittag der Trennung, die Verbindung wiederherzustellen. Vor allem, wenn sie gemeinsam gegen das Erwachsen zusammenhalten und das Spiel von viel Lachen begleitet wird.

Hier ist die Geschichte eines Vaters, der sich mental gut vorbereitet hat:

Mein älterer Sohn und meine Tochter saßen am Tisch. Es war Essenszeit, mein Sohn findet fast immer einen Weg, sich beim Abendessen über seine Schwester aufzuregen! Ich bereitete mich mental vor und sagte mir, dass ihr Streit stattfinden würde und dass ich es schaffen würde, einzugreifen ohne wütend zu werden.

Ich setzte meinen Sohn direkt neben meine Tochter, anstatt zwischen ihnen zu sitzen – was ich sonst oft tue, um zu verhindern, dass ein Streit stattfindet. Wir halten uns vor dem Essen an den Händen und nehmen uns einen Moment Zeit, um zu danken. Also sagte ich: „OK, lasst uns an den Händen halten.“ Mein Sohn protestierte sofort. Daraufhin sagte ich, so sanft es mir möglich war. „Ich bitte dich, halte jetzt ihre Hand.“ Das war alles, was nötig war, um die großen darunterliegenden Gefühle zum Vorschein zu bringen.

Mein Sohn sagte: „Zwing mich nicht dazu!“ Und ich sagte: „Ich zwinge dich nicht, aber es wäre gut, die Hand deiner Schwester zu halten.“ Ich habe ihn nicht gezwungen, es zu tun, aber ich habe die Idee nicht aufgegeben, dass er es tun könnte. Er fing an zu weinen und rannte vom Tisch. Ich folgte ihm in den nächsten Raum, und er weinte und sagte, dass seine Schwester ihm immer wehtue, ihn reize und ihn treten würde. Ich schwieg und sagte nichts über die Dinge, von denen ich wusste, die er tat, sondern hörte nur den Ungerechtigkeiten zu, die er zum Ausdruck brachte.

Er weinte lange und kam nicht als völlig liebevoller Bruder an den Tisch zurück, aber später an diesem Abend hörte ich ihn sehr süß mit ihr reden. Er sagte: „Soll ich dich abholen? Soll ich dich tragen?“ Normalerweise will er ihr körperlich überhaupt nicht nahe sein. Seit ich meinen Kindern auf diese Art und Weise mehr zuhöre, sehe ich, dass sie anfangen, mehr zusammen zu spielen. Er umarmt sie sogar manchmal. Es ist unglaublich! Ich bin wirklich begeistert, dass sich die Dinge zwischen ihnen beginnen zu lösen!

Es ist eine echte Herausforderung für uns, denn wir sind ihre Kämpfe, die Streitereien und ihre Einstellung zueinander so leid. Es ist schwer, freundlich und sanft zu sein, wenn der Streit beginnt, aber letztendlich zahlt es sich wirklich aus!!!

Wenn ein Geschwisterkind dem anderen weh tut

Kinder, die ihre Geschwister zu fest umarmen, schlagen, stoßen oder verletzen, senden klare Signale aus, dass sie angestaute Emotionen haben, denen man Beachtung schenken sollte. Denn auch sehr kleine Kinder können sanft zu jüngeren sein, solange sie sich gut verbunden und gesehen fühlen.

Jegliches Anzeichen von „Grobheit“ von einem Geschwisterkind zum anderen kann als Zeichen dafür gedeutet werden, dass sich das Kind nicht verbunden oder entspannt genug fühlt, um rücksichtvoll zu interagieren. Wenn du merkst, dass ein Kind grob war, hilft es nicht, es zu schimpfen oder ihm anzuordnen, die Dinge richtig zu machen. Dies erschreckt dein Kind nur noch mehr und macht es weniger wahrscheinlich, dass es rücksichtsvoll handeln kann.

Was hilft, ist schnell, aber gleichzeitig liebevoll zu reagieren. Verhindere sanft, aber entschieden, dass das angespannte Kind das jüngere Kind berührt, aber lasse es, wo es ist. Sage: „Ich helfe dir, neben Sammy zu sein“, und führe seine Hände oder Küsse so, dass sie wirklich liebevoll sind. Biete dem älteren Kind Augenkontakt an und lade es freundlich ein, dich anzusehen.

Normalerweise kann dich das Kind, weil es so angespannt ist, nicht lange ansehen und wenn es versucht, dich anzusehen, wird es die großen zugrundeliegenden Gefühle fühlen und versuchen wegzugehen. Bleibe liebevoll bei ihm, damit es deine Nähe, Aufmerksamkeit und Unterstützung spüren kann.

Normalerweise wird das Kind jetzt ziemlich schnell einen Wutanfall bekommen oder darüber weinen, dass es nah – oder nicht nah bei dir sein will oder nah bei dem Baby oder nicht bei dem Baby sein will.  All diese Gefühle sind wichtige Facetten, die das Kind jetzt versucht zu entlasten. Wenn du bei ihm bleibst, ohne es zu kritisieren, wird er in der Lage sein, seine Gefühle zu entlasten.

Wenn unsere Kinder sich gegenseitig wehtun

Eine der schwierigsten Situationen für uns Eltern ist, wenn wir sehen, wie sich unsere Kinder gegenseitig weh tun. Wir haben das Gefühl, dass wir als Eltern in einem der wichtigsten Punkte versagt haben. Sehr oft sind wir dann grob/barsch gegenüber dem Kind, welches seinem Geschwisterkind weh getan hat, obwohl wir dieses Kind ebenfalls von ganzem Herzen lieben.

Wenn die Auseinandersetzungen zwischen den Kindern oft geschehen, ja fast schon fast zur Gewohnheit geworden sind, dann geschieht es, dass diese Probleme sich auf die ganze Familie übertragen. Diese Zeiten sind schwer und es verschafft etwas Erleichterung, wenn wir wissen, dass sie in fast jeder Familie vorkommen.

Vielleicht geschieht es irgendwann in der Geschichte der Menschheit, dass das Leben in unserer Gesellschaft so liebevoll ist, dass Aggressionen unter Geschwistern selten geworden sind. Aber für den Moment sind wir noch nicht dort angelangt. Eine Schwierigkeit, die wir haben, um gute Wege aus den Geschwisterrivalitäten, ob klein oder groß, zu finden, ist, dass wir Eltern in der Regel nicht gesehen haben, wie Eltern Geschwisterprobleme ohne Grobheit bewältigen. Es scheint, als ob Härte notwendig, ja sogar gerechtfertigt ist, um die Aggression zu beenden. Aber wenn wir die Dinge durchdenken, ist es schwer zu erkennen, wie Härte von einem Erwachsenen Liebe und Zärtlichkeit zwischen Kindern hervorrufen kann. Es muss eine bessere Antwort geben.

Und es gibt sie, aber es ist nicht einfach. Ich denke, die effektivste Antwort liegt abseits der ausgetretenen Pfade in der Begleitung von Kindern.

Wenn die Kinder anfangen zu streiten und es die restliche Familie durcheinander bringt, ist es Zeit sich einen liebevollen Zuhörer (siehe Listening  Partnership) zu suchen um seine eigenen Zweifel zu entlasten und wieder klar zu sehen, dass dieses Kind auch ein gutes Kind ist.

Eltern mit streitenden Kindern sind verärgert. Verärgerte Menschen sind keine guten Problemlöser.

Wir müssen in der Lage sein, die Herzen unserer Kinder zurückzugewinnen, bevor sie wieder die Liebe füreinander wahrnehmen können. Und um das Herz eines Kindes zu gewinnen, muss ein Erwachsener seine Zweifel an der Güte des Kindes abbauen. Wenn unsere Kinder kämpfen, ist es leicht, die Tatsache aus den Augen zu verlieren, dass sie gute Kinder sind.

Wenn sie streiten, ist mindestens einer von beiden offline. Das Kind hat nicht aufgehört eine gute Person zu sein, aber sein Denken hat aufgehört und ist offline. Uns passiert das auch täglich, z.B. wenn unsere Kinder streiten, hören wir auch ganz oft auf zu denken.

Deshalb ist es gut, sich jemandem anzuvertrauen, der uns nicht unterbricht, nicht urteilt, oder berät, sondern einfach nur zuhört, während wir darüber sprechen, was mit uns passiert, wenn die Kinder streiten.

Über folgende Dinge könntest du sprechen:

  • Wie war es für dich und dein Kind als es geboren wurde
  • Wie war es als Baby
  • Wann hast du dich das letzte Mal eng mit ihm verbunden gefühlt und mit ihm Spaß gehabt?
  • Was möchtest du gerne tun, wenn er seinem Geschwisterkind weh tut? Was tust du tatsächlich?
  • Was wäre dir passiert, wenn du dich als Kind so benommen hättest?
  • Worüber sorgst du dich?
  • Wie fühlst du dich, wenn du deine Kinder streiten siehst?

Es hilft ungemein, diese Gefühle einem liebevollen Zuhörer mitzuteilen und sie zu entlasten. Manchmal hilft es, über die Situationen mehrere Male zu sprechen. Erzähle deine Geschichte aber nicht deinen Kindern, sondern einem liebevollen Erwachsenen.

Wenn du zu spät kommst

Manchmal geschieht es, dass wir zu spät kommen und eins der Kinder oder beide verletzt wurden. Normalerweise finden wir eines vor, das verletzt ist und weint und das andere scheint entfernt, gefühllos und in einer Art Verteidigungshaltung gefangen. Und um ehrlich zu sein, haben wir zusätzlich noch einen wirklich wütenden Elternteil mit von der Partie.

Erstens: Stelle sicher, dass nicht noch mehr Verletzungen zugefügt werden können

D.h. Trenne die sich bekriegenden Kinder, damit Schläge und Tritte ins Leere gehen. Wir müssen sie nicht in unterschiedliche Räume stecken, aber so viel Platz zwischen ihnen schaffen, damit sie sich nicht mehr wehtun können.

Zweitens: Das mag jetzt seltsam klingen, aber entschuldige dich: “ Es tut mir leid, dass ich nicht eher hier war. Ich habe nicht gemerkt, wie verärgert ihr wart.“, das hilft dem eingefrorenen Kind, welches dem anderen weh getan hat.

Warum? Wenn ein Kind jemandem weh getan hat, fühlt es sich schlecht. Aber nach außen hin zeigt es dies ganz und gar nicht. Äußerlich scheint das Kind unnahbar und gefühllos.

Aber eigentlich wollen Kinder niemanden anderen verletzen. Sie sind genauso verwirrt wie wir und wissen nicht, warum sie diese Dinge tun. Sie fühlen sich schuldig, und Schuld behindert uns Menschen irgendetwas zu fühlen. Schuld ist wie eine dicke Zementschicht und darunter liegt Traurigkeit und Angst.

Es hilft dem Aggressor, wenn wir die Schuld auf uns nehmen, und sagen, dass es uns leid tut, dass wir nicht da waren. Dadurch hat er die Möglichkeit, viel eher über die darunter liegenden Gefühle zu weinen, die ihn dazu veranlasst haben, sein Geschwisterkind zu verletzen.

Dein Kind ist ein GUTES Kind

Früher oder später regt sich jedes Kind über seine Schwester oder seinen Bruder auf. Wenn wir es jetzt schaffen die veränderte Perspektive auf die Situation einzunehmen, können wir den Kindern unglaublich viel helfen:

Und das ist:

Auch wenn sie mit schmerzenden Gefühlen voll sind, sind sie gut!! Sie signalisieren nur, dass sie Hilfe brauchen, anders können sie sich leider noch nicht ausdrücken. Aber sie sind gut! Und wenn wir ihnen helfen sich wieder zu verbinden können sie wieder klar denken und zu ihrem liebevollen sonnigen Selbst zurückkehren.

Möglicherweise brauchst du etwas Zeit, in der dir von einem anderen Erwachsenen zugehört wird, um dich daran zu erinnern, dass dein Kind ein gutes Kind ist. Sobald du die Möglichkeit hattest dich zu entlasten, wirst du wieder in der Lage sein, zum Beispiel Special Time mit deinem Kind zu verbringen, das ist ein guter erster Schritt, ihn bei zur Heilung seines schmerzenden Herzens zu unterstützen.

 

Steffi Weh

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